Open World, Zombies, Fraktionen, Sammelquests. Auf den ersten Blick wirkt „Days Gone“ wie ein recht typisches Spiel, das zahlreiche ähnliche Spiele in einem anderen Gewand verpackt. Dieser Eindruck dürfte sich für einige auch bestätigen, zumindest in den ersten Stunden. In Wahrheit ist das größte Spiel von Sony Bend aber ein fesselndes Abenteuer voller spannender Ideen, die von einem Kritikpunkt geschmälert werden.

Sons of Apocalypse

Nach einer Eröffnungssequenz schlüpft der Spieler in die Schuhe von Deacon St. John, der seine Frau Sarah durch die Apokalypse verloren hat. Zusammen mit seinem besten Freund Boozer reist er durch die Welt und erledigt Aufgaben für Gemeinden aus Überlebenden, um sich durch die Apokalypse zu schlagen. Dabei spielt auch die Organisation NERO eine Rolle, die eigentlich den Überlebenden helfen sollte. Als erste Hinweise auftauchen, dass Sarah doch noch leben könnte, offenbart sich ein Konstrukt aus Lügen und Geheimnissen, die den Protagonisten an den Rande des Wahnsinns treiben könnten.

Überraschend bewegend

In den ersten Stunden könnte es einem so vorkommen, als ob hier zahlreiche Klischees bedient werden. Deacon ist dauerhaft wütend, die Überlebenden stark und verängstig zugleich und die böse Organisation scheint in Sicherheit zu leben. Nach einigen Stunden nimmt die Geschichte allerdings ordentlich an Fahrt auf und anfangs oberflächlich wirkende Charaktere entpuppen sich als vielschichtige Persönlichkeiten, an die man wirklich wächst. Natürlich gibt es ebenso grausame Szenen zu betrachten, nicht zuletzt wegen einer Sekte, die die Zombies anbetet sowie Wahnsinnigen, die ihre Chance auf eine Machtposition sehen. Der Schein trügt definitiv und am Ende verlässt man nur mit schwerem Herzen ein überaus interessantes Ensemble. Doch auch die Liebesgeschichte nimmt durch Rückblenden eine wichtige Rolle ein und kommt überraschend emotional daher.

Demnach ist „Days Gone“ ein narrativ starkes Abenteuer, allerdings kann die Inszenierung nicht mithalten. Vor allem die Zusammensetzung der Szenen wirkt merkwürdig und obwohl der Titel optisch beeindruckt, wirken einige Schnitte und Kamerafahrten erschreckend veraltet. Zudem wurden die Rückblenden sehr holprig eingebaut und ergeben kein stimmiges Gesamtbild, das macht die Reise aber nicht weniger interessant. Ärgerlich sind die kurzen Ladebildschirme, die es zwischen Gameplay und Zwischensequenz gibt – das soll aber an den technischen Möglichkeiten liegen. Zudem gibt es auch eine ganze Menge Humor, nur eben nicht in der offensichtlichsten Weise. Wer „Sons of Anarchy“ mit Zombies erwartet, wird erschreckend genau wissen, was ihm bevorsteht.

Offene Welt, wie sie im Buche steht

Geht es nicht um die Geschichte, darf man mit seinem Motorrad die Welt erkunden. Dabei gibt es zahlreiche Aktivitäten, die übersichtlich in einem entsprechenden Menü als Quests aufgelistet werden. Dabei müssen Zombie-Nester aufgesucht und abgebrannt oder NERO-Stationen geöffnet werden. Anstatt diese Aktivitäten abzuarbeiten, geht es aber vielmehr darum, jeden Ort nach Materialien abzusuchen. Egal ob Schrott, Heilmittel oder andere Materialien für Waffen, das Crafting-System gewinnt schnell an Bedeutung und funktioniert durch ein Schnellmenü sogar mitten in hitzigen Kämpfen. Dank eines Survival-Blicks werden zudem Objekte in der Umgebung per Symbol angezeigt, sodass man genau weiß, ob man in ein Haus einbrechen sollte.

Zudem steht der Spieler ständig unter Druck, denn mehrere Arten an Zombies und menschlichen Feinden machen einem ständig das Leben schwer. Doch gerade das macht den Reiz aus, denn jede Reise und jede Aktion wird in irgendeiner Weise belohnt. Sei es durch den Fortschritt in der Geschichte, Handlungsbögen rund um Nebencharaktere oder Materialien sowie Waffen, nichts ist umsonst. Und dann wären da noch drei Fähigkeitenbäume, deren Boni gut aufgeteilt sind und insbesondere im späteren Spielverlauf immense Vorteile mit sich bringen.

Loyalität

Als Ankerpunkte dienen einige Camps voller Überlebende, in denen sich Deacon auf die Gefahren vorbereiten kann. Diverse Shops eröffnen aber erst ihr volles Angebot, wenn der Biker das Vertrauen der Gemeinschaft gewinnt, sei es durch Nebenaufgaben oder das Abliefern von Materialien. Manchmal können sogar Personen gerettet und so Camps geschickt werden, was dann auch die entsprechende Vertrauensstufe erhöht. Der Clou an der Sache ist, dass jedes Camp einzigartige Angebote mit sich bringt. Kann im ersten noch das Bike aufgemöbelt werden, gibt es im zweiten deutlich bessere Waffen zu kaufen. Deshalb steht man ständig vor der Entscheidung, wem man nun wann helfen möchte, denn das alles hat direkte Auswirkungen auf das Gameplay.

Ich und mein Bike

All die Erkundung wäre nicht möglich, wenn Deacon nicht sein treues Bike an seiner Seite hätte. Alleine das Herumfahren ist eine Spaßbombe, denn die Fahrphysik ist extrem gut gelungen. Dank Nitro-Funktion wird ordentlich Geschwindigkeit geboten, während man selbst nach einem Sprung parallel zum Boden landen sollte. Zahlreiche nützliche Verbesserungen sowie optische Anpassungsmöglichkeiten sorgen dafür, dass man sich überraschend häufig um das Motorrad kümmert und, so merkwürdig es auch klingen mag, eine echte Bindung dazu aufbaut.

Natürlich erfordert es auch Vorsorge, so eine tolle Maschine in Stand zu halten. Am wichtigsten ist der Tank, der an Tankstellen sowie durch Kanister aufgefüllt werden kann. Dadurch ergibt sich ein wichtiger Faktor, der mitunter zu völlig neuen Abenteuern führt, wenn man auf dem Weg zu einer Mission plötzlich anhalten muss. Die Ablenkung hält nie zu lange an, sorgt aber dafür, dass man jeden Winkel der Welt erforscht. Zudem muss man auch regelmäßige Reparaturen ausgeführt werden, es gibt also ständig Mini-Aufgaben, die sich mit den anderen Aktivitäten verbinden lassen. Sogar die Schnellreise kann nur so weit genutzt werden, wie der Tank es erlaubt. Ärgerlich sind lediglich einige Missionen, die gar nicht gestartet werden können, wenn man zu wenig Benzin bei sich hat. Das wird durch eine Anzeige erklärt, was einen aus der immersiven Welt herausholt. Auch das Herumschießen während der Fahrten ist etwas langweilig, schließlich muss man nur einen Knopf drücken.

Keine typischen Zombies

„Days Gone“ wäre aber nichts ohne seine Zombies, die überraschend erfrischend daherkommen. Sie sind nämlich kein klassisches Kanonenfutter, sondern eine ständige Bedrohung. Bereits wenige Schläge können Deacon töten, während die Situation fast aussichtslos erscheint, wenn er umzingelt wird. Die Kreaturen sind agil und bewegen sich zudem schnell, sodass Kopfschüsse überraschend fordernd werden, solange man die Zeitlupe nicht nutzt. Doch vor allem der Nahkampf begeistert, denn es ist faszinierend, mit mächtigen Waffen, die man mitunter selbst zusammenbauen kann, auf die brutalen Feinde einzuschlagen. Diese gehen aber auch schnell kaputt, weshalb man stets auf der Suche nach neuen Waffen sein sollte. Auch die Munition ist in den ersten Stunden ständig knapp, wodurch sich das Spiel in einen waschechten Survival-Titel entwickelt, das gleichzeitig sehr zugänglich bleibt.

Die Vielfalt an Zombies ist durchaus beeindruckend, egal ob normale Freaker, kriechende Kinder oder gigantische Muskelprotze. Die Flucht ist nicht selten eine empfehlenswerte Option, vor allem, wenn man in der Fahrt von Tieren angesprungen wird. Das große Highlight sind aber die Horden, die einige der besten Spielmomente der letzten Jahre erzeugen. Wenn die Massen aus teilweise über 100 Freakern auf Deacon zulaufen und Schüsse in die Menge scheinbar nichts bewirken, ist die Anspannung schlichtweg gigantisch. Man muss kreativ sein und sich gut vorbereiten, weshalb es zu einem regelrechten Albtraum wird, von den Gruppen überrascht zu werden. Umso befriedigender ist es, wenn man sich nach zahlreichen Stunden erfolgreich gegen die Massen zur Wehr setzen kann. Vor allem das realistische Verhalten ist faszinierend zu beobachten und tatsächlich ein Zombie-Erlebnis, das es noch nie gegeben hat.

Abwechslungsreich

Die Hauptmissionen sind derweil ebenso unterhaltsam und führen häufig die Konzepte der späteren Nebenmissionen ein. Die damit verbundenen Geschichten sind stets ein Highlight, doch auch spielerisch führt einen „Days Gone“ an spannende Orte, während zahlreiche Passagen überraschend nonlinear daherkommen. Etwas mehr Abwechslung hätte dem Spiel dennoch nicht geschadet, das lässt sich allerdings verschmerzen. Vor allem, da die Missionen rund um verrückt gewordene Menschen dermaßen beeindruckend sind, dass man sich gerade davon mehr wünscht. Lediglich die reinen Stealth-Missionen sind spielerisch langweilig, kommen allerdings nicht häufig genug vor, um den Spielspaß zu verderben.

Immer was zu tun

Auch die Welt selber ist nur so voller Details. Ja, sie besteht zum Großteil aus Wäldern, doch auch Schneegebiete und interessante Orte sorgen für optische Vielfalt. Die Liebe zum Detail ist derweil beeindruckend, denn ständig findet man scheinbar unwichtige Gebiete, die eigene Geschichten erzählen. Seien es Kinderzeichnungen in einem Haus, ein Camp aus zwei Zelten mit einigen Leichen oder kleine Dörfer, die schlagartig verlassen wurden. Überall gibt es kleinere Entdeckungen, die zwar keinen spielerischen Mehrwert bieten, dafür die Welt von „Days Gone“ zum Leben erwecken und eine glaubbare Apokalypse darstellen.

Zudem gibt es ständig zufällige Events. Deacon kann ruhig eine Straße entlangfahren, nur um plötzlich von einer Falle ertappt oder einem Sniper angeschossen zu werden. Diese Hinterhalte führen häufig zu Kämpfen gegen Menschen, in die sich auch Zombies einmischen können. Diese Ereignisse führen einen stets vor, dass die Welt niemals eine sichere ist, und auch im späteren Verlauf können Fehler dafür sorgen, dass man vom letzten Speicherpunkt aus starten muss.

Wiederholungen

Perfekt ist der spielerische Aspekt von „Days Gone“ trotzdem nicht immer. Insbesondere die Fahrten fallen negativ auf, wenn man Orte durchqueren muss, die man schon häufiger aufgesucht hat. Es gibt war eine Schnellreise, doch man erhält mehr Aufträge, wenn man durch die Welt fährt und findet dann auch regelmäßig Objekte, die man definitiv benötigt. Zudem scheint die Welt etwas zu groß zu sein. Dadurch bleibt sie sehr realistisch, allerdings ähneln sich viele Ortschaften. Das ist Meckern auf hohem Niveau und fällt erst gegen Ende wirklich negativ auf, hätte aber schöner gelöst werden können.

Feinschliff gesucht

Echte Probleme gibt es leider bei der Technik. „Days Gone“ ist ein beeindruckend schönes Spiel und man wird den Foto-Modus extrem häufig nutzen, denn die Landschaften sind meist atemberaubend. Umso ärgerlicher, dass selbst auf PlayStation 4 Pro immer wieder Texturen bei der Fahrt nachgeladen werden und Objekte aufploppen. Zudem gibt es immer wieder Bugs, seien es Feinde, die durch Wände schauen und gegen Objekte laufen oder Kanten, über die das Motorrad nur mit Mühe fahren kann. Das schmälert den Gesamteindruck, doch das Team arbeitet intensiv an Patches, weshalb die noch größeren Probleme mittlerweile behoben wurden.

Noch vorhanden sind einige Audio-Probleme, durch die Sätze verspätet ausgesprochen werden. Noch schlimmer sind leider sich wiederholende Gespräche während der Fahrt, die die Atmosphäre völlig zunichtemachen. Genau in diesen Momenten wird deutlich, dass das Spiel noch mehr Feinschliff benötigt. Dafür ist die Bildrate meist stabil, insbesondere die Horden rennen butterweiche, und kleine Aussetzer stören auch die Fahrten nie.