Für viele Spieler ist „Marvel’s Spider-Man“ das beste Superhelden-Spiel aller Zeiten. Insomniac Games hat es geschafft, das Schwingen durch ein detailliertes New York zu perfektionieren, während auch Kampfsystem, Missionen und vor allem die Geschichte so hochwertig waren, dass ähnliche Titel vor Neid erstarren. Eine große Überraschung war dann die frühe Einführung von Miles Morales, der am Ende seinem Freund Peter Parker offenbart, dass auch er besondere Kräfte hat. In „Marvel’s Spider-Man: Miles Morales“ erleben Fans nun seinen Weg zum Superhelden, doch ist der Titel wirklich mehr als eine Erweiterung?

Miles - Allein zu Haus

Die Geschichte beginnt gleich rasant mit einem Kampf gegen Rhino, startet aber erst richtig, sobald Peter Parker New York verlässt und Miles Morales erstmals alleine die Stadt beschützen soll. Seine Sorgen sollen sich als begründet herausstellen, denn ein Krieg zwischen der Bande rund um den Tinkerer sowie einer Sicherheitsfirma droht, Miles Heimat in Harlem zu vernichten. Da seine Mutter sich auch noch politisch engagiert, muss der Neuling sein Privatleben und seine Superheldenaktivität ausgerechnet in der Zeit umwerfen, in der sein Mentor ihm nicht helfen kann – und dann wären da natürlich noch zahlreiche Überraschungen.

Die Hauptgeschichte ist überraschend interessant, auch wenn einer der Bösewichte nicht über das Comic-Klischeebild hinauskommt. Insbesondere der Tinkerer erweist sich aber als spannender Widersacher und sorgt für die aufregendsten sowie emotionalsten Momente. Zwar werden Comic-Fans viele der Wendungen schon nach kurzer Zeit erahnen, die Spannung bleibt aber konstant hoch und resultiert in einem unglaublichen Finale, das dem Vorgänger in Nichts nachsteht.

Der neue, verbesserte Spider-Man

Der Star bleibt eindeutig Miles, dessen Charakter perfekt eingefangen wurde. Er ist eine starke Persönlichkeit, manchmal aber auch zu naiv. Gerade durch seine Fehler lernt er im Laufe des Abenteuers dazu und entwickelt sich zu einem ernstzunehmenden Helden, während er anfangs sogar von den Bürgern noch als Sidekick belächelt wird. Insbesondere der Kontrast zu Peter ist stark, denn während dieser schon erfahren ist, muss sich Miles noch in die Rolle einleben und sein eigenes Wesen sowie seinen Stil ergründen. Das funktioniert auch im Zusammenspiel mit den Bewohnern von Harlem, die immer wieder in den Fokus geraten und insbesondere in den Nebenmissionen glänzen können.

Sowieso können die Charaktere begeistern. Miles' Cousin hilft ihm vom Computer aus, sein Onkel nimmt typischerweise eine besondere Rolle ein und seine Mutter ist engagiert, begibt sich deshalb aber auch in Gefahr, was durch die Ereignisse des Vorgängers an Miles nagt. Zu sehen, wie er in seiner Rolle wächst und dabei nicht seinen Humor verliert, ist derart charmant, dass es auch in der Spielerschaft zu Streitereien kommen dürfte, wer nun der bessere Spider-Man ist.

Ein besserer Spielfluss

Am eigentlichen Gameplay hat sich wenig geändert, denn das Schwingen durch die Stadt ist weiterhin perfekt. Die Welt sieht aber durch das Winter-Setting einzigartig aus und bietet sogar einige überarbeitete Orte und viele Easter Eggs, die man nicht verpassen möchte. Zwar ist die Stadt an sich dieselbe, die neuen Inhalte sorgen aber dafür, dass sich die Erkundung nicht wie eine Wiederholung anfühlt. Da Miles noch unerfahren ist, sehen sogar seine Schwungbewegungen nicht so agil aus, wie bei Peter – das ist eine Liebe zum Detail, die beweist, dass die Macher den Charakter verstanden haben.

Vor allem die Nebenmissionen wurden aber stark überarbeitet und fallen objektiv besser aus. Zwar gibt es noch immer zufällig auftretende Ereignisse und zahlreiche Symbole zum Abarbeiten, Miles verfügt aber über eine App, die Leute nutzen, um Anfragen an Spider-Man zu schicken. Nimmt man diese an, führen sie stets zu waschechten Nebenmissionen, die eigene Geschichten erzählen. In den besten davon hat sich das Team vollends auf Miles und die People of Color-Community konzentriert und zeigt eine spannende Seite von New York, die Miles' Verhältnis zur Stadt einzigartig gestaltet. Die Handlungen selbst sind auch sehr interessant und erwecken einige Nebencharaktere zum Leben, die man in einer potentiellen Fortsetzung nicht missen möchte.

Venom - nicht der - Punch!

Viel getan hat sich aber am Kampfsystem, was vor allem an Miles einzigartigen Fähigkeiten liegt. Er kann nämlich Bioelektrizität erzeugen, um sich entweder zu heilen, oder mit einem Venom-Punch Gegnern ordentlichen Schaden zuzufügen. Das ist nicht nur in den Bosskämpfen wichtig, sondern lässt jeden Kampf energetischer ausfallen, weil man die entsprechende Leiste möglichst schnell füllen möchte. Dadurch erzeugt das Spiel einen dermaßen spaßigen Spielfluss, dass man sich ein Kampfsystem ohne diese Fähigkeiten gar nicht mehr vorstellen kann, vor allem weil weitere im Verlauf hinzukommen.

Natürlich kann sich Miles auch unsichtbar machen, was in den Schleich-Passagen zu mehr Optionen führt. Das ist aber auch nützlich, wenn man im Kampf kurz vor einer Niederlage ist und sich neu positionieren möchte, denn Gegner werden dadurch schnell verwirrt. Im Grunde wurde das gut funktionierende Kampfsystem aus „Marvel’s Spider-Man“ also an genau den richtigen Stellen erweitert, um noch spaßiger zu werden, aber auch Miles' Einzigartigkeit in das Gameplay zu integrieren. Dafür stehen dem jungen Helden weniger Gadgets zur Verfügung, die wir aber nur selten vermisst haben.

Eine würdige Fortsetzung

Die Handlung von „Marvel’s Spider-Man: Miles Morales“ ist etwa halb so lang wie die des Vorgängers, das ist aber keineswegs ein Problem. Das Pacing ist nämlich deutlich besser geraten, sodass der Spieler nicht durch künstliche Verlängerungen gebremst wird. Schleich-Passagen mit Mary Jane gibt es zum Glück nicht mehr, und die Abschnitte, in denen man langsam herumlaufen muss, werden durch einige Überraschungen zum Highlight. Repetitive Nebenmissionen gehören glücklicherweise auch der Vergangenheit an, klassische Gegnerlager ausgenommen. Auch der Spannungsbogen der Geschichte ist bemerkenswert und enttäuscht zu keinem Zeitpunkt. Obwohl „Miles Morales“ also ein kürzeres Spiel ist, erhalten Fans ein deutlich runderes Paket.

Flüssiger geht es nicht

Optisch ist das Spiel eine Wucht. Die Stadt sieht großartig aus, ist stets gut besucht und Texturen laden kaum sichtbar nach. Durch das Winter-Setting gibt es nun viele nasse und gefrorene Flächen, wo Ray Tracing zum Einsatz kommt. Zwar sind die Reflektionen in der offenen Welt niedrig aufgelöst, durch das hohe Tempo fällt einem das aber nicht wirklich auf. In den Hauptmissionen kann die Technik dafür glänzen und wird zu einem unglaublichen optischen Spektakel. Wer auf dieses Feature verzichten kann, darf auch einen 60 FPS-Modus wählen, der die anderen optischen Feinheiten beibehält. Und dann wäre da noch der 60FPS-RT-Modus, in dem zwar die Bevölkerungsdichte sowie die Auflösung reduziert werden, dafür bleiben die Reflektionen bei hoher Bildrate sichtbar.

Die musikalische Untermalung ist derweil fantastisch, leider ist es nicht möglich, die Titel während des Schwingens zu hören, was die Erkundung noch unterhaltsamer gemacht hätte. Ansonsten enttäuschen Charakterdesigns und Animationen nicht und sind ein klares Upgrade im Vergleich zum Vorgänger – leider bewegen sich die Gesichter noch immer etwas unnatürlich und stechen in wenigen Szenen unangenehm heraus. Der DualSense wird derweil spärlich genutzt, denn obwohl das haptische Feedback effektiv ist, gibt es bei den Triggern nur einen Druckpunkt vor dem Abschluss, den man auch ignorieren kann.